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Die Jenaer Zonenkinder schlagen sich durch

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Artikelnr.: 2742477000
Angeboten am: 18.06.2012
Umfang: 900 Wörter, 5.347 Zeichen, 0 Bilder
Mit erhobenen Schwertern und kreisenden Ketten sprinten die Kämpfer aufeinander zu. Kurz vor der Mittellinie stoppen sie abrupt ab. Jetzt stehen sie sich lauernd gegenüber, zwischen ihnen nur die Reichweite ihrer Waffen. Auf dem Mittelpunkt liegt der Hundeschädel, um den es geht in diesem Kampf, der genau jetzt beginnt. Doch eigentlich beginnt unsere Geschichte schon 1989, und zwar auf der anderen Seite der Welt. In jenem Jahr nämlich erscheint in Australien der Film ”Das Blut der Helden„. Er spielt im 23. Jahrhundert in einer postapokalyptischen Wüste und handelt von einem brutalen Sport, mit dem umherziehende Banden ihren Lebensunterhalt verdienen.

Der Sport wird Jugger genannt. Der deutsche Filmtitel lautet ”Die Jugger – Kampf der Besten„. Der Film hat keine Chance auf einen Oscar. Doch er zeigt reichlich Action, viel Blut und ein bisschen Liebe in einer düsteren, freudlosen Zukunftswelt. So findet er seinen Weg in die Ab-18-Regale der Videotheken. Was dann passiert, gehört zum Gründungsmythos der Jugger-Gemeinde. Unabhängig voneinander lassen sich Rollenspieler, Fantasy-Fans und Anhänger schräger Sportarten in Hamburg und Berlin von dem Streifen inspirieren und beginnen, dieses seltsame Jugger nachzuspielen, aber in einer weitaus zivilisierteren Spaßversion. Irgendwann treffen Spieler beider Städte aufeinander und stellen überrascht fest, dass sie dem selben Hobby frönen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre Kräfte messen. Der Spaß-Sport, bei dem sich die Spieler mit gepolsterten Waffen prügeln und Läufer versuchen, den stilisierten Hundeschädel in das gegnerische Loch (”Mal„) zu stopfen, breitet sich Anfang der 90er-Jahre langsam aus. Waidhaus in Bayern kommt dazu, dann eine zweite Berliner Mannschaft. Und weil Jugger in Deutschland erfunden wird, gibt es bald ein ordentliches Regelwerk. Zugleich ändert sich der Charakter. Vom lustigen Haudrauf im Park wird Jugger immer mehr zum richtigen Sport.

Die Mannschaften suchen nach Möglichkeiten, ihr Spiel zu verbessern. Sie trainieren Geschwindigkeit, Wendigkeit, einzelne Kampftechniken; sie grübeln über der Taktik und errechnen Strategien. Neue Waffen werden erfunden. Eine Liga wird gegründet. Anfang der 2000er-Jahre ist Jugger erwachsen. Noch immer ist Berlin das Epizentrum des Jugger-Fiebers. Rigor Mortis (”Leichenstarre„) entwickelt sich langsam zum FC Bayern des Juggers – nur, dass die Berliner Mannschaft verlässlich Titel holt. Eines ihrer größten Talente ist Jakob Senst. 2005, mit 21 Jahren, beginnt Senst ein Studium. Allerdings nicht in Berlin, sondern in Jena. Doch Jena, muss er feststellen, ist eine Jugger-Wüste. Jakob Senst will daraus eine Hunde-Stadt machen. Jena wird zur Hundestadt Hundestadt – so heißen die Orte im Film, in denen Jugger gespielt wird. Senst verteilt Handzettel und wartet im Park.

Doch niemand erscheint. Erst, als er beim Uni-Sportverein nachfragt und sich als Übungsleiter anbietet, spricht sich das Angebot herum. Bald kann die erste Thüringer Mannschaft gegründet werden. Sie sind die Zonenkinder. Ihr Emblem ähnelt Hammer und Sichel, besteht aber aus einem Hundeschädel auf Pompfen – den Waffen. Es wird von einem Kranz aus Bananen eingerahmt. Auf Turnieren kämpfen sie gegen Doppelsöldner und Grünanlagen-Gorillas, Rattenfänger und Kamikaze-Eulen. Und immer wieder gegen Rigor Mortis. ”Wir sind der ewige Zweite„, sagt Senst.
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