Kopfkino
Artikelnr.: 2901147848
Angeboten am: 14.08.2012
Umfang: 650 Wörter, 3.996 Zeichen, 0 Bilder
Kopfkino -
Unterbelichtete schwarz-weiß Aufnahmen chaotischer Abschiedsszenen auf einem Bahnhof: weinende Erwachsene und schreiende Kinder hinter verschlossenen Zugtüren, Soldaten in SS-Uniform, die die Zurückgebliebenen mit Gewalt von dem Zug fernhalten. Lautsprecherdurchsagen. Schließlich Fahrgeräusche des Zuges, der langsam den Bahnhof verlässt. Verzweifelte Menschen, die ihm lange nachsehen.
Die drei größten Deportationen, die vom Hauptbahnhof in Kassel ausgingen, führten am 9. Dezember 1941 in das Ghetto von Riga, am 1. Juni 1942 zum KZ Majdanek und zum Vernichtungslager Sobibor und am 7. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt. Die Deportation nach Theresienstadt wurde in der gleichen Weise wie die beiden vorherigen Transporte durchgeführt: Etwa 755 jüdische Männer und Frauen wurden ein bis zwei Tage vor Abfahrt des Zuges gezwungen, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen, anschließend wurden sie mit speziellen Zügen nach Kassel gebracht und dort vom Hauptbahnhof aus deportiert. Der Zug „Da 511“ reiste über Bebra, Erfurt, Weimar und erreichte abends Chemnitz, wo weitere 90 Juden zum Einstieg genötigt wurden. Am nächsten Tag traf der Zug in Theresienstadt ein, wo er als Transport »XV/l« verzeichnet wurde. „Da 511“ war der größte Judenabtransport von Kassel nach Theresienstadt.
Eingangs beschriebene Filmszene ist in Kassel wahrscheinlich so nie gedreht worden. Vielmehr setzen sich die Bilder beinahe zwangsläufig im Kopf des Betrachters aus vielen gesehenen Szenen dieser Art zusammen, wenn er sich der Documenta-Installation "Klangtest" der schottischen Soundkünstlerin Susan Philipsz hingibt, die im Nordflügel des Kassler Hauptbahnhofs zu finden ist. Steht man also dort und schaut auf die grasbewachsenen Gleise des heute wenig befahrenen Bahnhofs, wo ein paar alte Wagons vor sich hinrosten, ertönen aus sieben, an Elektrizitätsmasten befestigten Lautsprechern, die über die Schienen verteilt sind, zunächst einzelne, gut vernehmbare Töne. Im Verlauf der 13-minütigen Komposition „Studie für Streichorchester“ wachsen die Töne zu einem breiten musikalischen Klangteppich heran, der am Ende abrupt verstummt. Susan Philipsz sagt über ihr Werk: „Ich habe einen Viola-Spieler und einen Cellisten gebeten, ihre Stimmen aus Pavel Haas’ „Studie für Streichorchester“ zu spielen. Allerdings habe ich sie bei der Aufnahme jede Note separat einspielen lassen, so dass jeder der Notenwerte jeweils aus einem einzelnen Lautsprecher kommt, den ich an den Gleisen installiert habe. Dadurch wird die Komposition fragmentiert und lückenhaft, und breitet sich über ein großes Gebiet hinweg aus. Da die Aufnahmen in den Raum hinein gedehnt und erweitert werden, findet eine Abstraktion der einzelnen Noten von der Komposition als Ganzem statt.“
Der jüdische Komponist Pavel Haas, der von Brno nach Theresienstadt deportiert wurde, hatte die Komposition 1943 verfasst. Nachdem das Vorzeigeghetto in Vorbereitung auf einen Besuch durch das Rote Kreuz äußerlich verschönert worden war, beschloss die Lagerleitung im Jahre 1944, den Propagandafilm „Theresienstadt — Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ (D 1945) unter der Regie des Lagerinsassen Kurt Gerron zu produzieren. Der Film sollte die wohlwollende Behandlung demonstrieren, die die jüdischen Bewohner von Theresienstadt angeblich genossen. Die Filmmusik „Studie für Streichorchester“ wurde vom Tereziner Streichorchester unter der Leitung von Karl Ancerl live eingespielt.