Auf jeder Feder ein Auge: Kranichland Mecklenburg-Vorpommern

Artikelnr.: 2902048968
Angeboten am: 01.09.2012
Umfang: 1.033 Wörter, 6.584 Zeichen, 12 Bilder
  • Kranichbeobachtung in Mecklenburg-Vorpommern Foto: Rainer Heubeck
  • Mit dem Fernrohr sieht man besser: Kranichbeobachter in Mecklenburg-Vorpommern Foto: Rainer Heubeck
  • Alljährliche Herbstgäste: Kraniche in Mecklenburg-Vorpommern Foto: Rainer Heubeck
  • Zwischenstation auf dem Weg nach Süden: Kraniche in Mecklenburg-Vorpommern Foto: Rainer Heubeck
  • Vogelbeobachtung am Darßer Ort Foto: Rainer Heubeck
  • Sanddünen am Darßer Ort Foto: Rainer Heubeck
  • Mit der Natur auf Tuchfühlung: Sanddünen am Darßer Ort Foto: Rainer Heubeck
  • Hirsch tot, Vogel tot, Reh tot“ verkündet Alfred Kayserling per Hornsignal Foto: Rainer Heubeck
  • Mit der Kutsche durch den Darßwald Foto: Rainer Heubeck
  • Kutscher Alfred Kayserling im Darßwald Foto: Rainer Heubeck
  • Kraniche in typischer Keilformation Foto: Rainer Heubeck
  • Bootsfahrt zur Kranichbeobachtung Foto: Rainer Heubeck
Während die Zugvögel morgens ihre Schlafplätze verlassen, um übrig gebliebene Körner auf abgeernteten Getreidefeldern oder ausgelegtes Futter zu finden, starten an Kranichen interessierten Besucher meist erst am Nachmittag. Dann legt Kapitän Jörg Boßmann mit seinem Kutter „Admiral Raule“ von Zingst aus zur Kranichbeobachtungsfahrt ab. Sein Ziel: Eine Sandbank, wenige Kilometer vor dem Übergang des Boddens in die offene Ostsee,  in etwa 800 Meter Entfernung zum größten Kranichrastplatz in Deutschland. Es ist früher Abend und windstill. Nun heißt es, laute Gespräche einstellen und warten. Viele der Besucher haben Ferngläser mitgebracht. Nach etwa 15 Minuten ist es so weit, eine kleine Gruppe Kraniche fliegt ein, nicht neben-, sondern hintereinander. Diese Kraniche sind nur die Vorhut. Immer häufiger ist das Tompeten der Tiere zu hören, und immer größere Trupps fliegen, meist keilartig formiert, zurück zu ihrem abendlichen Rastplatz.

Mehr als 40.000 Kraniche, die größtenteils aus Schweden und Norwegen sowie aus den baltischen Staaten und Russland angeflogen kommen, machen im Herbst in Mecklenburg-Vorpommern Zwischenstation, bevor sie weiter nach Frankreich und Südspanien ziehen.  Die größten flugfähigen Vögel Europas faszinieren nicht nur Tausende von Vogelbeobachtern, Touristen und Naturfreunden, sondern auch Wissenschaftler wie Thomas Fichtner und Dr. Günter Nowald. Die beiden Biologen am Kranich-Informationszentrum in Groß Mohrdorf beschäftigten sich mit der Geschichte und mit dem Sozialverhalten des Kranichs. Und entdecken dabei Erstaunliches: „Wenn man die Kraniche beobachtet, stellt man fest, Kraniche sind auch nur Menschen. Es gibt viele Parallelen zu uns, sei es, wie Streitigkeiten gelöst werden oder wie sie einkaufen gehen und dabei Nahrungs-Sonderangebote nutzen, da zeigen Kraniche wie Menschen ein sehr großes Verhaltensrepertoire“, schwärmt Thomas Fichtner, der über die Kraniche auch seine Diplomarbeit geschrieben hat. Seit etlichen Jahren versehen die Wissenschaftler die Vögel mit Ringen oder kleinen Sendern, um ihr Verhalten zu erforschen. „Wir hatten es schon erlebt, dass Kraniche mit Sendern innerhalb von zwei Tagen 2000 Kilometer flogen sind. Das ist allerdings die Ausnahme, normalerweise fliegen sie von Rastplatz zu Rastplatz“, erläutert Fichtner. Etwa sechzig bis achtzig Stundenkilometer schaffen Kraniche bei Windstille, bei Rückenwind fliegen sie deutlich schneller – bis zu 120 Stundenkilometer. Und bei Gegenwind? „Da fliegen sie nur unter ganz dramatischen Umständen“, berichtet Fichtner. Auch bei der Flugaufstellung verhalten sich die Tiere ökonomisch und intelligent: “Durch die Keilformation fliegen die nachfolgenden Vögel in einer sehr günstigen Luftströmung – sie erhalten Auftrieb und verbrauchen weniger Energie“, weiß Fichtner.

Dass Kraniche äußerst wachsame Tiere sind, die hervorragend sehen, wussten die Menschen schon früher. „Im Mittelalter hat man Kraniche von Gänsen ausbrüten lassen und auf den Menschen gepolt. Anschließend wurden sie als Wachtiere eingesetzt, denn sie waren viel wachsamer als die Gänse“, erläutert Dr. Günter Nowald vom Kranichinformationszentrum. Kraniche, so sagt der Volksmund, haben auf jeder Feder ein Auge. Da die Vögel so aufmerksam sind, gilt als wichtigste Regel für die Vogelbeobachtung, genügend Abstand zu den Tieren zu halten. Denn jedes Mal, wenn die Kraniche gestört werden und auffliegen, verbrauchen sie unnötig Energie.
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