„Es musiziert in jedem Kind“
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Artikelnr.: 2951676104
Angeboten am: 28.08.2012
Umfang: 1.053 Wörter, 6.811 Zeichen, 0 Bilder
Aber der Rummel um den so genannten Mozart-Effekt verpuffte bald darauf. Mehrere große Folgestudien belegten, dass Musikhören lediglich kurzfristige positive Effekte von 20-30 Minuten Dauer und dies auch nur auf Teilaspekte der Intelligenz, im Fall der Rauscher-Studie das räumlich-visuelle Denken, haben kann. Natürlich, die Schönheit und Sinnlichkeit der Mozart'schen Sonate stimulierte die Gehirne der Probanden, versetzte sie in gehobene Stimmung und somit auch in kurzfristig erhöhte Leistungsbereitschaft. Die Wissenschaft spricht von „kognitiver Erregung“, der normale Hörer von Glücksgefühl und Gänsehaut. Später wurde übrigens an zehn- bis elfjährigen Schulkindern auch ein so genannter „Blur-Effekt“ nachgewiesen. Die Kinder konnten, nachdem sie der englischen Popband Blur gelauscht hatten, besser räumlich-visuell denken als nach dem Hören von Mozart. Mit Kinderliedern ließen sich ähnliche Phänomene nachweisen. Musik ist eben auch Geschmackssache.
Aus pädagogischer Sicht erschien es viel interessanter, die Bedeutung des aktiven Musiklernens und Musizierens in der Schule für die Entwicklung von Kindern zu untersuchen. Auch in diesem Bereich gibt es zahlreiche Studien, eine der prominentesten führten Hans Günther Bastian, Professor für Musikpädagogik an der Universität Frankfurt, und sein Team zwischen 1992 und 1998 mit 170 Schülern an sieben Berliner Grundschulen durch. Die Studie fand im Stadtteil Wedding statt: „bildungsferne Schichten“, hoher Migrantenanteil, wenig bürgerlich-kultureller Background. 130 Kinder erhielten im Rahmen von musikbetonten Zügen zwei Wochenstunden Musikunterricht, erlernten ein Instrument und musizierten in Ensembles. Ein Kontrollgruppe von 40 Kindern mit sprach- und sportbetonten Zügen bekam „normalen“ Musikunterricht von nur einer Schulstunde pro Woche. Die Wissenschaftler untersuchten Intelligenz, Sozialverhalten und Konzentrationsfähigkeit der Schüler. Nach vier Jahren hatten die Schüler der Musikklassen in allen drei Bereichen einen signifikanten, aber trotzdem nur leichten Vorsprung. „Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen Lernprozessen im Musikunterricht und der Förderung kognitiver Fähigkeiten“, folgerte Hans Günther Bastian. Obwohl auch die Ergebnisse dieser Studie wegen der kleineren Kontrollgruppe umstritten sind, ist die Tendenz klar. Klüger macht Musik zwar nicht, aber sie wirkt als sozialer Kitt. Die Kinder der Musikklassen in der Bastian-Studie zeigten ein verbessertes Sozialverhalten und mehr Verbundenheit, sie grenzten seltener andere Schüler aus. „Musikalisches Verhalten hat vor allem mit sozialer und familiärer Bindung zu tun, mit Kommunikation und Ausdrucksfähigkeit – und ein wenig auch mit dem, was man Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung nennen kann“, schreibt der Münchener Musikwissenschaftler Christian Lehmann in seinem Buch „Der genetische Notenschlüssel – Warum Musik zum Menschsein gehört“.
Bisherige Veröffentlichungen
Grünschnabel Kinder- und Familienmagazin