Bunt statt grau. Stiller Aufbruch: Wie die heutige Generation 60plus nach dem Berufsleben selbstbewusst ihre Träume verwirklicht.
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Artikelnr.: 3001925832
Angeboten am: 27.09.2012
Umfang: 703 Wörter, 4.333 Zeichen, 0 Bilder
In der Arbeitswelt war früher alles viel länger: Wer einmal in jungen Jahren in den Beruf gestartet war, blieb nicht selten über Jahre oder sogar sein gesamtes Arbeitsleben in ausschließlich einem Unternehmen tätig – um dann von heute auf morgen mit unendlich viel Freizeit ausgestattet in das mehr oder weniger lustige „Rentnerleben“ zu wechseln. In der Jetztzeit ist alles flexibler und individueller: Wer heute ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich gebracht hat, kann sich für den neuen Lebensabschnitt gesellschaftliche Optionen wie nie zuvor eröffnen – und diese Freiheit zum individuell gestaltbaren „Neustart“ wird von vielen Senioren mittlerweile offensiv und engagiert angenommen.
Die VertreterInnen der Generation 60plus nutzen die vorhandenen Möglichkeiten mit Mut zum Experiment. Diese Altersagilität ist neu – im Vergleich zu früheren Zeiten, als die Senioren noch Rentner genannt wurden. Es ist eine Entwicklung, die rückbli- ckend betrachtet nicht wirklich verwundern kann. Die heutigen „Best Ager“ wurden ihrer Jugend in den goldenen Siebziger Jahren mit dem Lebensgefühl „alles geht“ sozialisiert. Sie sind zudem in der Regel überwiegend gut ausgebildet, nicht selten finanziell abgesichert, haben ihre Lässigkeit kultiviert und sind gesellschaftlich seit jeher engagiert gewesen. In ihrer Selbstwahr- nehmung empfinden sie sich übrigens gefühlte 15 Jahre jünger im Vergleich zum tatsächlichen biologischen Alter. Udo Jürgens, selbst ein scheinbar altersloser, ewig aktiver Show-Workaholic, brachte das Lebensmotto dieser ruhelosen Generation bereeits frühzeitig in zwei visionär prägnanten Schlagerzeilen auf den Punkt: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran...“ – und man möchte hinzufügen: Der Spaß ist drückt sich längst nicht mehr nur eindimensional und primär hedonistisch nach dem Motto „Aber bitte mit Sahne...“ aus, sondern mittlerweile erfinden sich die fitten, gesundheitsbe- wussten (weil ökologisch geprägten) Senioren von heute in allen gesellschaftlichen Bereichen neu. Sie experimentieren lustig und vergnügt wie nie zuvor mit individuellen Formen einer erneuten, späten Selbstverwirklichung.
Die früheren Stereotypen von triststen Seniorenexistenzen, in denen das graue Restleben wahlweise passiv vor dem Fernseher, in der Stammkneipe oder Torten verzehrend – nochmals Udo Jürgens zitiert – „... am Stammtisch im Eck in der Konditorei...“ verbracht wurde, haben spätestens mit dem demografischen Wandel ausgedient. Aber auch aktuelle Klischees, von der cleveren Werbewirtschaft produziert und projeziert, wie die nicht nur urlaubsmäßig daueraktiven, ewig jungen „Spaßsenioren“ bilden die Lebensrealitäten der Generation 60plus tatsächlich nur sehr bedingt ab. Auch der angebliche und medial weit verbreitete „Jugendwahn“ der Älteren entpuppt sich bei genauer Betrachtung in der Breite als nicht wirklich existent.
Wie aber lebt es sich heute im Alter tatsächlich? Die Antwort ist: bunt satt grau. Wer älter wird, hat heute noch viel vor. taz- Redakteurin Ulrike Herrmann und die freie Journalistin Martina Wittneben haben sich auf die Spuren der agilen „Best Ager“ begeben. Das Ergebnis dieser Expedition ins „Seniorenreich“ ist ein äußert lesenswertes Buch mit dem Titel „Älter werden, Neues wagen“. Zwölf Portraits zeigen exemplarisch eine große Vielfalt an Möglichkeiten, die man hat, um nach dem Berufsleben den Neuanfang zu wagen.